Nicole Behrens betreut die Doppelsparschleuse Hohenwarthe.


Wie sie zu diesem Job gekommen ist? „Ich bin gelernte Wasserbauerin. Schon während der Ausbildung stand für mich fest: Ich will auf einer Schleuse arbeiten und dort Schichtleiterin werden“, berichtet die gebürtige Rathenowerin. Mit knapp 20 war Nicole Behrens vorfristig mit der Ausbildung fertig, mit 21 Schichtleiterin.

Mit Fertigstellung der Doppelsparschleuse kam sie ins Jerichower Land und war dabei, als dort der Betrieb startete. Die Schleuse Hohenwarthe bildet gemeinsam mit der Kanalbrücke, der Schleuse Niegripp, der Sparschleuse Rothensee, der Niedrigwasserschleuse Magdeburg und dem Schiffshebewerk Magdeburg ein gigantisches Verkehrsprojekt, das sogenannte Wasserstraßenkreuz bei Magdeburg.

Zweispurig auf der Wasserstraße


Schon allein wegen der beeindruckenden Dimensionen und der modernen Arbeitsweise der Doppelkammerschleuse, die das östliche Ende des Mittellandkanals bildet und den direkten Auf- beziehungsweise Abstieg in den tiefer liegenden Elbe-Havel-

Kanal ermöglicht, hat Nicole Behrens hier ihren Traumjob gefunden. 18,5 Meter Höhenunterschied überwinden die Schiffe an dieser Stelle. „Die damit durchgehende Wasserstraße zwischen Rhein und Oder ist eine Hauptverkehrsrichtung für die deutsche Schifffahrt“, erklärt sie. Die Kanalbrücke ermöglicht den Schiffen eine deutlich schnellere und reibungslosere Fahrt in Ost-West-Richtung und die zwei Kammern der Schleuse quasi ein zweispuriges Fahren. Das brachte der Verbindung den Beinamen „Blaue Autobahn“ ein. Früher mussten die Schiffe einen zwölf Kilometer langen Umweg über die Elbe in Kauf nehmen. Problematisch waren dabei vor allem die schwankenden Wasserstände. „Bei wochenlangem Niedrigwasser musste oft ein Teil der Fracht umgeladen werden, um den Tiefgang des Schiffes zu verringern und die Elbüberfahrt zu ermöglichen“, erzählt Nicole Behrens.

Augen und Ohren offenhalten


Als Schichtleiterin für Schleusenbetrieb hat sie den Hut dafür auf, dass der Schleusenverkehr reibungslos und sicher läuft. Dank moderner Technik wird nicht mehr mit purer Muskelkraft, sondern sozusagen per Knopfdruck geschleust. Nicole Behrens dirigiert den regen Schiffsverkehr und bedient die beiden Schleusenkammern. Dennoch verlässt sie sich nicht nur auf die Technik. „Ich halte auch Augen und Ohren offen. Wichtig ist mir zum Beispiel der Blickkontakt zum jeweiligen Schiff: Fährt es an die zugewiesene Position? Macht es richtig fest?“ Zudem lauscht sie beim Schleusen auf Geräusche – zum Beispiel beim Öffnen und Schließen der Tore – und weiß genau, ob alles genau so klingt, wie es sollte. „Ist das nicht der Fall, bin ich sofort alarmiert und kann handeln“, erklärt Nicole Behrens. Die Hohenwarther Schleusenkammern sind jeweils 190 Meter lang und 12,50 Meter breit. Für den Schleusenvorgang kann jede der beiden Kammern auf jeweils drei Wasserbecken zugreifen. „Unsere sogenannten Sparbecken, mit denen wir 60 Prozent des benötigten Schleusenwassers wiederkehrend abdecken können“, erklärt Nicole Behrens. Die verbleibenden 40 Prozent stammen aus dem Mittellandkanal. Gerade weil der Kanal keinen natürlichen Zulauf habe, seien die Sparbecken so wichtig, erfahren wir von der versierten Fachfrau.

Im Herzen eine Brücke


Am Arbeitsplatz auf dem Steuerstand des verglasten Towers, der am Untertor der Schleuse in den Himmel ragt, verfolgt sie neben dem Geschehen auf „ihrer“ Schleuse auch das der benachbarten Niegripper Schleuse sowie der Kanalbrücke – dem Herzstück des Wasserstraßenkreuzes. Die führt mit 918 Metern Länge den Mittellandkanal über die Elbe hinweg. Die beeindruckende Stahlkonstruktion gilt als die längs­te Kanalbrücke Europas. „Sportboote zum Beispiel dürfen da nicht einfach rüberfahren, sondern müssen sich bei mir melden“, sagt Nicole Behrens. Den verantwortungsvollen Job im Tower teilt sie sich mit drei weiteren Kollegen. „Wir arbeiten in zwei Schichten, die Nachtschicht übernimmt die Schleuse Rothensee per Fernüberwachung und Fernsteuerung. So kann bei uns rund um die Uhr geschleust werden.“ Ihre wichtigsten Arbeitsgeräte: Funkgerät, Telefon und Maus. „Die Kommunikation mit den Schiffen ist das A und O“, betont sie: Für Anweisungen, Erklärungen und zum Einsammeln von Informationen – etwa zum Woher, Wohin und zur jeweiligen Fracht.

Anstellen, bitte!


Heute schauen wir Nicole Behrens bei ihrer Nachmittagsschicht über die Schulter. Los geht’s kurz vor 14 Uhr mit der Übergabe. Zuerst fällt ihr prüfender Blick auf den digitalen Arbeitsplatz, wo 14 Monitore technische Parameter und Echtzeitbilder der betreuten Einrichtungen darbieten, die von je vier beweglichen Kameras pro Schleuse geliefert werden. Ein Schiff ist da sichtbar. „Noch sechs Kilometer entfernt“, weiß die 39-Jährige aus Erfahrung. Zeit genug, sich flink eine Tasse Kaffee zu brühen. Zum Einsatz kommt ihre Lieblingstasse „Allzeit gute Fahrt“. Nicole Behrens lacht: „Ein Erinnerungsstück an die MS Jenny, die ich hier als eines der ersten Schiffe geschleust habe.“ Ist sie zur Frühschicht eingeteilt, checkt sie auf einem virtuellen Rundgang noch alle Schleusenanlagen, prüft die Funktion sämtlicher Ampeln, bewegt die Tore, informiert sich über Wasserstände und -temperaturen. „Damit dann alles reibungslos läuft“, sagt sie. 20 Minuten braucht ein Schiff, um den Höhenunterschied zu überwinden, bei Sportbooten dauert es doppelt so lange. Geschleust werden Schiffe jeder Größe, Art und aus aller Herren Länder: Fracht- oder Güterschiffe, Fahrgastschiffe, Containerschiffe, sogenannte Schubverbände. „Pro Tag habe ich um die 14 Schleusungen.“ Vor allem im Sommer könnten es aber auch locker bis zu 30 sein. Und wer zuerst kommt, schleust zuerst? „Jein“, sagt sie. „Berufsschiffe und Fahrgastschiffe mit Fahrplan haben bei uns Vorrang.“

46.000 Kubikmeter Wasser


Als Schichtleiterin darf sie zwei Schleusen zugleich betreuen. „Ich bereite die Schleuse vor, lasse das Schiff einfahren und schaue, dass es an den von mir zugewiesenen gelben Schwimmpollern festmacht.“ Dann startet sie den Schleusenvorgang und rund 46.000 Kubikmeter Wasser strömen in die Kammer – oder aus ihr heraus, je nach Richtung, in die das Schiff unterwegs ist. Ist der nötige Wasserstand erreicht, öffnet Nicole Behrens das Tor und das Schiff macht sich wieder auf den Weg. 22.30 Uhr ist Schicht im Schacht, nein, auf dem Tower. 15 Schiffe hat sie heute reibungslos über die „Blaue Autobahn“ gelotst – ein guter Tag.

Führungen sind nach Vereinbarung möglich.