Auf dem Ökohof Fläming leben Vater Nils Rosenthal und Sohn Friedrich sowie viele Zwei- und Vierbeiner im Einklang mit der Natur.


Wenn das Huhn glücklich ist, freut sich der Mensch. Denn dann hat das Frühstücksei ein dunkelgelbes Eidotter! Aber wann ist ein Huhn glücklich? „Wenn es genügend Grün bekommt, Auslauf im Freien hat und scharren kann. Eine Sandfläche für die Gefiederpflege darf auch nicht fehlen. Genau wie bedarfsgerechtes Futter und Wasser“, weiß Friedrich dem sich zudem zwei Hunde, zwei Pferde, zwölf Schweine, vier Rinder, an die 100 Gänse und ebenso viele Enten, rund 300 Legehennen, etliche Bienen, Rosenthal vom Ökohof Fläming in Schopsdorf. Zusammen mit seinem Vater Nils Rosenthal bewirtschaftet der 26-Jährige das Familienanwesen, auf Katze Taiga sowie seit ­Neuestem auch wieder vier Ziegen tummeln.

MÄNNERWIRTSCHAFT MIT TIERGESELLSCHAFT

1999 hat die Familie den Hof erworben und Stück für Stück hergerichtet. Die Scheune sei das älteste Gebäude im Ort, auch das Wohnhaus stehe auf betagten Fundamenten und musste hergerichtet werden, erzählt der Junior. Gestartet sind die Rosenthals, denen Tierhaltung und Landwirtschaft bereits seit mehreren Generationen im Blut liegen, zunächst auf einem halben Hektar Hoffläche mit Pferden, Hühnern und Ziegen. „Mein Vater hat Islandpferde gezüchtet und sich schon Anfang der 1970er-Jahre für den Natur- und Umweltschutz eingesetzt“, erzählt Nils Rosenthal. Er selbst habe Geologie studiert, später ebenfalls Pferde gezüchtet und sich in Schopsdorf seinen Traum vom eigenen Hof erfüllt. „Die Faszination für alles, was mit Natur zu tun hat, habe ich offenbar geerbt“, erklärt Friedrich Rosenthal lachend und erzählt von sich: „In der 7. Klasse wurde mir klar, dass ich Landwirtschaft betreiben will. Dabei habe ich von Anfang an die Idee verfolgt, möglichst autark zu sein, also mit hofeigenen Kreisläufen zu arbeiten. Daraus entstand dann mein Berufswunsch, Tiermedizin zu studieren.“ Inzwischen arbeitet er als Rindertierarzt in einer Praxis in Ketzin. „Mit einer halben Stelle, die andere halbe Stelle gilt dem Hof“, ergänzt er. Hier angefangen habe es für ihn mit der Imkerei, konkret mit einem ziemlich heruntergekommenen Bienenwagen, der auf dem Hof herumstand. „Den wollte ich eigentlich zum Verkauf aufhübschen, habe dann aber beschlossen, selbst in die Bienenhaltung einzusteigen.“ Seit 2013 ist die Imkerei zertifiziert und darf sich offiziell „Imkerei Ökohof Fläming“ nennen.

GEBEN UND NEHMEN

2016 konnten Vater und Sohn die ersten großen Flächen dazupachten. Heute bewirtschaften sie 40 Hektar Acker und 17 Hektar Grünland – alles im Einklang mit der Natur. So wächst auf der Hälfte der Ackerfläche Kleegras – eine Eiweißfutterpflanze, die gleichzeitig den Stickstoff aus der Luft bindet und in den Boden bringt. „Das ist wichtig, da wir im Ökolandbau ja keinen Kunstdünger, sondern ausschließlich organische Dünger einsetzen“, sagt Friedrich Rosenthal. Ansonsten werden Gerste, Hafer und Roggen angebaut, alles als Futter für die Tiere. Bevor die neue Saat in den Boden kommt, wird der mit Tiermist angereichert. „Von der Natur nehmen – der Natur zurückgeben, so schließt sich bei uns der Kreis.“

Bearbeitet werden die Flächen überwiegend mit gebrauchter Technik. „In diesem Jahr haben wir – zum ersten Mal überhaupt – einen neuen Traktor angeschafft“, erzählt Vater Nils Rosenthal. Bis dato sei ein altes DDR-Modell der Marke Fortschritt, Baujahr 1979, im Einsatz gewesen, das seinem Namen nicht mehr wirklich gerecht wurde. „Wir denken generell nachhaltig und nutzen noch brauchbare Technik, selbst wenn sie nicht mehr wie in ihrer Jugend glänzt – das ist ja wie bei uns Menschen“, fügt der 54-Jährige schmunzelnd hinzu.

DAS FEDERVIEH IST MOBIL

Auf den Grünflächen tummelt sich das Federvieh. „Unsere Hühner, Enten und Gänse bewohnen mobile Ställe.“ Auf diese Idee kamen die Rosenthals, weil Ställe auf dem Ökohof fehlten. Die mobilen Pendants hätten viele Vorteile. Alle 14 Tage werden sie vor den Traktor gespannt und mitsamt Insassen umgestellt. So finden die Tiere im geräumigen Freilauf neue Nahrung, ihr Dünger wird gleichmäßig über die Fläche verteilt, die Grasnarbe bleibt geschont. Der mobile Legehennen-Stall für die Junghennen ist ganz neu. Andere Ställe haben die Rosenthals aus alten Bauwagen selbst kreiert. Zum Beispiel den für die Brüder der weiblichen Küken. „Wir setzen auf sogenannte Zweinutzungshühner, bei denen die Hennen Eier legen und sich die Hähne zur Mast eignen.“

KURZE WEGE

Vermarktet werden die Produkte über den Online-Hofladen. Im Moment sind Wurst und Fleischwaren von Rind und Schwein im Angebot. Hühnerfleisch sei immer vorrätig, genau wie Eier sowie saisonales Obst und Gemüse. Im Frühjahr und Sommer gibt es Honig, zur Weihnachtszeit Gänse. Offeriert werden die frischen Produkte auch über die „Marktschwärmer“. Friedrich Rosenthal erklärt: „Das funktioniert ähnlich wie ein Wochenmarkt: Einmal pro Woche kommen die Erzeuger – meist für etwa zwei Stunden – in einem festgelegten Raum zusammen. Dort können die Verbraucher dann ihre zuvor online bestellten und bezahlten Produkte direkt von den Erzeugern abholen.“ Davon haben beide Seiten etwas: „Unsere Kunden bekommen regionale Produkte und lernen deren Erzeuger persönlich kennen. Und ich weiß genau, wie viele Kohlköpfe, Kartoffeln oder Kürbisse verkauft werden. Was bestellt ist, ernte ich frisch. Zudem kann ich den Kunden dabei vermitteln, wie Öko-Landwirtschaft funktioniert.“

AUS ERSTER HAND

Im Sommer kommen Campinggäste. „Bis zu drei Wohnmobile können wir auf dem Hof aufnehmen.“ Möglich ist das über den Camping-Stellplatzführer, der eine kostenlose Übernachtung auf jedem der gelisteten Höfe offeriert. „Der Vorteil für uns: Wir können den Gästen unsere Landwirtschaft zeigen, ihnen das näherbringen, was uns wichtig ist, und ihnen unsere guten Produkte anbieten.“

Und was sagt eigentlich das Umfeld zu den ambitionierten Ökolandwirten? „Manche belächeln uns. Andererseits gibt es auch viele, die das, was wir machen, richtig gut finden, und sich freuen, frische Produkte vor Ort zu bekommen“, resümiert Friedrich Rosenthal. Geht es nach Vater und Sohn, dürfen daraus gern noch viel mehr werden. Dafür setzen sich beide auch mit ihrem agrarpolitischen Engagement auf Landesebene ein, bei dem es vor allem um Aufklärungsarbeit geht. Einiges konnten die beiden bereits erreichen, vieles steht noch auf ihrer To-do-Liste. „Wir haben die Förderung des Ökolandbaus hier in Sachsen-Anhalt deutlich vorangebracht. Daraufhin haben viele Landwirte angefangen, ihre Erzeugung umzustellen“, sagt Friedrich Rosenthal. Darauf sei er stolz. Nils Rosenthal freut sich, dass es gelungen ist, Junglandwirte und damit den Nachwuchs der Branche zu fördern. „Um noch mehr Schwung in die ökologische Landwirtschaft zu bringen, brauchen wir eben auch diejenigen, die genau das tun.“

Die 225 Junghühner der Rosenthals haben eine Auslauf mit einer Fläche von 1.600 Quadratmetern.