Leerstand war gestern. In das markante Gebäude am Markt 1 in Burg sind Kreativität, Engagement und Miteinander eingezogen, vom Keller bis unters Dach – eine Turmbesteigung mit Silke Kirchhof.


Warum sie so gern über Kartoffelbrei spricht? „Weil der ein gutes Beispiel für das ist, was wir hier im Turm vorhaben und erreichen wollen“, sagt Silke Kirchhof mit vielversprechendem Lächeln. „Fragen Sie doch mal junge Leute, wie sie Kartoffelbrei zubereiten! Habe ich getan“, so die Geschäftsführerin der benvivo gGmbH und engagierte Verfechterin des Miteinanders in Burg. „Die Antwort: Packung auf und fertig. Geschmacklich die volle Bruchlandung. Wir Älteren schälen eben eins, zwei, fix frische Kartoffeln, kochen und stampfen sie. Etwas Milch ran, ne Prise Salz, Muskat nach Geschmack, fertig. Und so was von lecker!“ Das und mehr könne man beim gemeinsamen Kochen von Alt und Jung hier im Turm erfahren sowie ausprobieren. Und das sei nur eines von vielen Beispielen.

Ob Kinderkurse, Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler oder Seniorengymnastik – im benvivo-Turm findet jeder ein passendes Angebot.

TURMFRAU MIT VISIONEN

Die 51-jährige Diplom-Sozialpädagogin, die viele Jahre Erfahrung in der Soziokultur hat, nimmt uns heute mit in ihre neue Wirkungsstätte. Seit Anfang des Jahres kümmert sich die Burgerin als „Turmfrau“ um die Wiederbelebung des markanten Wobau-Eckgebäudes am Markt 1. Ein Kaufhaus sei hier mal drin gewesen, später ein Bürgerbüro, dann der lange Leerstand. Bis die Wobau die Idee hatte, hier im Herzen von Burg einen Ort des Miteinanders zu etablieren und die Stadt damit noch lebenswerter zu machen. „Viele, gerade alte Menschen, sind einsam zu Hause. Corona hat die Kontaktarmut noch verschärft. Ich spüre ein großes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit, eine große Bereitschaft, etwas miteinander zu unternehmen, sich dabei auch gegenseitig zu unterstützen. Und da kommen wir mit unserer Idee, einen Ort der Begegnung für die Burger zu schaffen und alle Generationen zusammenzubringen, gerade richtig.“

DIE BURGER GEFRAGT

In ihrem Büro, das transparent hinter großen Scheiben im Erdgeschoss liegt, erzählt sie vom Wachsen dieser Idee: „Als ich das erste Mal in den Turm kam, war hier alles komplett im Rohzustand. Mit verstaubten Teppichen, vergilbten Wänden, ohne Möbel, Strom und Wasser. Ein trister Anblick.“ Dennoch habe sie sofort das Potenzial erkannt. „In meinem Kopf ratterten umgehend die Gedanken los und spuckten Ideen aus, was sich hier alles verwirklichen lasse“, erzählt sie.

Dann ist sie losgezogen, hat an Türen geklingelt, die Idee vorgestellt, im Turm einen Begegnungsort zu schaffen, und die Burger nach ihren Wünschen gefragt. Wichtig ist ihr, dass benvivo nichts Fertiges vorgibt, sondern vielmehr die Ressourcen der Burger nutzen will. Die der Älteren, die zum Beispiel beim Kochen Rezepte und Tipps an Jüngere weitergeben. Und genauso die der Jüngeren, die zum Beispiel der Generation 70+ die Raffinessen von Smartphone und Co. beibringen. „Immer freitags erklärt ein 16-jähriger Schüler der Altersgruppe seiner Großeltern, wie etwa ein Foto über WhatsApp an die Enkel verschickt werden oder wie man sich beim Telefonieren sehen kann“, sagt Kirchhof. „So vernetzen wir die Burger. So aktivieren wir sie. Denn um das Drumherum wie Kaffeekochen, Raum vorbereiten und so weiter müssen sie sich selber kümmern.“

 

HALLO NACHBAR

Angefangen hat Silke Kirchhof zu Beginn des Jahres, als der Turm noch nicht nutzungsbereit war und zudem Corona-Kontakteinschränkungen galten, mit Fensterpatenschaften. „Auf der einen Straßenseite wohnt eine Familie mit mehreren Kindern, gegenüber eine ältere Dame. Beide habe ich am Fenster zusammengeführt. Wie? Indem ich einfach geklingelt und ein Treffen am Fenster verabredet habe. Das kam so gut an, dass sich beide Parteien zu Ostern im Innenhof verabredeten und sich seither eben nicht nur kennen, sondern auch im Alltag unterstützen.“

GÄNSEHAUTFEELING

Wir machen uns auf ins erste OG, der multifunktionalen Ebene. Hier wird Rommé gespielt, gebastelt, geplaudert, vorgelesen. Auf der Treppe erfahren wir, dass der erste Leseclub nicht im, sondern hinter dem Gebäude stattfand. „Ich wollte damit unbedingt zum Welttag des Buches im April starten. Da wirbelten im Turm aber noch zu viele Handwerker herum, sodass ich das Treffen kurzerhand und zudem coronakonform nach draußen auf den Hof verlegt habe.“ Inzwischen versammeln sich die Leseratten in der gemütlichen Kuschelecke der ersten Turmetage. Dort fallen uns drei noch verschlossene Kartons auf. „Bücherspenden“, erklärt Kirchhof. „Die warten darauf, von den Sechs- bis Zwölfjährigen ausgepackt und dann von den Omas und Opas vorgelesen zu werden. Eine Idee von mir, denn das Auspacken, dieses Entdecken von Büchern, erhöht die Spannung.“

Auch Nachhilfe, die die Schule nicht leisten kann, wird im Turm angeboten. Zum Beispiel ein Englischkurs mit Peter aus Birmingham, der seit 25 Jahren in Burg lebt. Ein Zettel an der Tür lädt ein, beim Kalligrafiekurs in die Geschichte der chinesischen Schriftzeichen einzutauchen. „Als sich eine Frau Wang aus Magdeburg bei mir meldete und den Kurs vorschlug, dachte ich, probiere ich aus“, schwärmt Silke Kirchhof nicht ohne Stolz. Inzwischen seien die beiden ersten Kurse so gut wie belegt. „Burg hat eben Bock“, unterstreicht sie. Im zweiten OG geht’s bei Tischtennis und Co. sportlich zu. Gleich trifft sich die Seniorengymnastikgruppe. Alles Damen ab 60 bis weit in die 80, deren aufgeregtes Geschnatter am Turmeingang bereits unüberhörbar ist. „Die haben sich eine Woche lang nicht gesehen, da gibt es viel auszutauschen“, kommentiert Kirchhof. Helmut Ahlfaenger (Jahrgang 1948), der mit den Damen turnt, bestätigt: „Wir treffen uns hier aus Spaß an der Freude. Wir bewegen uns auch, aber zuerst wird geplauert.“

FERTIG GIBT'S NICHT

Nach dem Sport eine kulinarische Stärkung gefällig? Dann auf ins dritte OG. Los geht’s, sobald die Küche fertig aufgebaut ist. „Wie alles, was wir hier an Ausstattung haben, wurde auch diese gesponsert“, erklärt die Chefin. Dankbar ist sie für jede Unterstützung. Egal, ob in Form einer größeren Finanzspende, wie die von den Stadtwerken, dem gestarteten Crowdfunding oder kleinen Sachspenden wie Geschirr und Möbelstücken der Bürger. „Wir haben benvivo angeschoben, den Turm wieder zum Leben erweckt“, jetzt gehe es darum, ihn durch eine gesicherte Finanzierung für die Burger zu nutzen. Wir sind unterm Dach angekommen. Auf der Terrasse wartet ein Weitblick über Burg. Hier könne sie sich künftig eine Buchlesung oder auch mal eine kleine Konzertdarbietung vorstellen, sagt Kirchhof. Kultur über den Dächern eben. Wann der Turm denn nun so richtig fertig sei? „Ein Fertig wird es bei uns nie geben“, antwortet sie entschlossen. „Baulich vielleicht, aber auf keinen Fall inhaltlich. Dazu gibt es einfach viel zu viele Ideen. Und ich bin verrückt sowie entschlossen genug, sie alle aufzugreifen und etwas für die Burger daraus zu machen.“

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